Lajos Kossuth

Drei Jahrhunderte lang ist der magyarische Adel der bedeutendste und wohl auch effizienteste Gegner des habsburgischen Zentralstaats. Der partikularistische Ständekampf gegen „Wien“ verband die Auseinandersetzung um die Sicherung der eigenen Privilegien (vor allem jenem der unbedingten Steuerfreiheit) mit dem Erhalt der Souveränität der „Nation“ gegenüber den Ansprüchen einer absolutistischen Staatsgewalt. Doch wurde diese Ideologie im Laufe der Jahrzehnte modifiziert und differenziert, der unbedingte Wille zur nationalen Freiheit bis Mitte des 19. Jahrhunderts von den großen Idealen der europäischen bürgerlichen Revolution durchdrungen: Die feudalen Stände entwickeln sich ansatzweise in Richtung eines modernen Parlaments, das Prinzip ihrer althergebrachten Vorrechte wird allmählich von jenem der bürgerlichen Rechtsgleichheit abgelöst, ein Prinzip, das sich mehr und mehr mit der Forderung nach ökonomischer Modernisierung und institutioneller Weiterentwicklung des Landes verbindet. Die Entwicklung der Produktivkräfte wurde spätestens in den frühen 1840er Jahren zur gängigen Parole ungarischer Unabhängigkeit. Paradigmatisch verkörperte der liberale Jurist und Schriftsteller Lajos Kossuth diese Entwicklungen. Beeinflusst von den Arbeiten des deutschen Wirtschaftstheoretikers Friedrich List gründete Kossuth 1844 den sog. Schutzverein zur Förderung der ungarischen Industrie, koordinierte als dessen Vorsitzender die Aktivitäten von 140 Lokal- und Teilorganisationen, und organisierte als einer der zentralen Proponenten eines nationalen Gewerbevereins die erste landesweite Industrieausstellung.

In dem mitreißenden Rhetoriker und Publizisten Kossuth erwuchs dem antionalen Aufbegehren der Magyaren ein überragender, nicht selten aber auch offen populistisch agierender Volkstribun.

1802 in Monok in der Tokajer Weinregion geboren, entstammte er deiner Familie der ungarisch-slowakischen Gentry, einer der ältesten Adelsfamilien des Landes, die gleichwohl ihren Landbesitz eingebüßt hatte und (so wie eine große Anzahl anderer Kleinadeliger) ihren sozialen Status nunmehr aus ihrer Tätigkeit in Spitzenfunktionen der staatlichen Bürokratie und des Justizwesens herleitete. Seine juristische Ausbildung erhielt er an der Hochschule in Sárospatak, einer calvinistischen Hochburg, einer breiten Öffentlichkeit wurde er bekannt, als er – unter Ausnutzung einer Gesetzeslücke Umgehung der Zensur – begann, vom 1832 nach Preßburg einberufenen Reformlandtag handkopierte „Privatbriefe“ in großer Zahl zu verbreiten. Kossuth entwickelte darin eine radikal-liberale Perspektive, zugleich ein kompromissloses nationales Programm. Er schuf damit ein ständiges Informationsmedium für eine sich formierende bürgerliche Öffentlichkeit, und als er ab 1836 mit den Komitats-Berichten (Törfényhatósági Tudósitások) aus Pest seine staatsfeindlichen Unternehmungen fortsetzte, wurde er im Mai 1837 verhaftet und für drei Jahre arretiert.

Nach seiner Freilassung avancierte Kossuth 1841 zum Chefredakteur der neugegründeten Pesti Hirlap, dem ersten modernen Presseorgan Ungarns, stieg in die Führungsriege der national-liberalen Opposition, deren Grundsatzerklärung er verfasste, auf und errang im Herbst 1847 das Reichstags-Mandat des Komitats Pest. Überregionale Bedeutung erlangte er mit einer Rede vom 3. März 1848, in der er die Aufhebung der bäuerlichen Untertänigkeit, allgemeine Rechtsgleichheit, allgemeine Wahlen, eine unabhängige, ausschließlich dem Parlament verantwortliche Regierung, ein liberales Staatsgrundgesetz insgesamt einforderte. Es war diese Rede, die am 13. März inmitten des Aufruhrs vor dem niederösterreichischen Ständehaus in der Herrengasse zur Verlesung kam, und Kossuth gehörte zu jener historischen Delegation, die zwei Tage später in Wien die Forderungen der Magyaren einbrachte. Weitere zwei Tage danach übernimmt das Reformkabinett Batthyany die Regierung in Ungarn, Kossuth wird Finanzminister, ein halbes Jahr darauf übernimmt er zudem den Vorsitz im neugeschaffenen Landesverteidigungsausschuss. All seine Stärken und Schwächen treten in diesen Monaten geradezu exemplarisch zutage: Charisma und Mut, Intoleranz und Intransigenz, vor allem auch seine Vorbehalte gegenüber seinem wohl fähigsten Militär, General Artúr Görgey. Dennoch: Als Symbol der siegreichen Revolution, als Gestalter des in den „Aprilgesetzen“ verankerten modernen Ungarns, als politischer Exponent des ungarischen Freiheitskampfes erlangt er weltweite Popularität. Die Weigerung des Reichstags, die Abdankung Ferdinands I. (und damit die Inthronisierung Franz Josephs) anzuerkennen, trägt ebenso deutlich seine Handschrift wie die am 14. April 1849 in Debrecen vollzogene Lossagung vom Hause Habsburg. Am selben Tag noch wird Kossuth nach der Unabhängigkeitserklärung zum Reichsverweser – ein Gouverneur-Präsident mit quasi diktatorischen Vollmachten – proklamiert.

Angesichts der militärischen Niederlage gegen die vereinigte österreichisch-russische Übermacht bleibt der Symbolfigur der nationalen Souveränität Ungarns die Flucht – zunächst ins Osmanische Reich, wo er zwei Jahre lang im anatolischen Kütahya interniert bleibt, dann, auf Intervention der US-Regierung, in England und den Vereinigten Staaten, wo er auf Großveranstaltungen als Freiheitsheld und regelrechte Kultfigur abgefeiert wird, jedoch keine substanzielle offizielle Unterstützung für seine Anliegen zu mobilisieren vermag. 1861 zieht er nach Italien, zunächst nach Genua, dann nach Turin, und nimmt engere Kontakte mit Guiseppe Mazzini auf. Den Ausgleich mit Habsburg von 1867 bekämpft er auf das Heftigste und setzt dem „Verrat“ den wenig realistischen Plan einer Donauföderation unter Ausschluss Österreichs entgegen. Hoch betagt, politisch isoliert, verbittert, verstirbt der Eremit von Turin im März 1894.
 

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