Robert Blum

Die in ihrem Wortlaut nicht erhaltene Rede, die er am 23. Oktober 1848 in der Aula der Wiener Universität hielt und deren Inhalt wenig später Teil der standgerichtlichen Anklage werden sollte, muss spektakulär und aufsehenerregend gewesen sein. Leidenschaftlich sprach er sich für die Fortführung der Revolution, auch und gerade unter den gegebenen dramatischen Umständen aus, für ein, wenn es denn sein musste, blutiges Fortschreiten ohne jegliche Schonung der Anhänger des alten Systems; notfalls müsse „ein Vernichtungskampf ohne Erbarmen“ geführt werden. Dies zumindest berichtet die Wiener Zeitung, und die überlieferte Wortwahl darf mit Fug und Recht bezweifelt werden: Denn Robert Blum, einer der rhetorisch begabtesten und populärsten Abgeordneten der Frankfurter Paulskirche, galt allgemein als ein politischer Zentrist, pragmatischer Vermittler, Anhänger der „modernen Demokratie“ und führender Kopf der gemäßigten Linken. Andererseits, so zeitgenössische Beobachter, habe in entscheidenden Momenten sein „plebejischer Instinkt“ die allgemeine Unbestimmtheit und Unentschiedenheit seiner politischen Überzeugung durchbrochen, und Blum sich weit über das übliche Niveau seiner Fähigkeiten erhoben. Die Oktoberrevolution in Wien war ein solch entscheidender Moment: Hier, dessen war sich der Frankfurter Parlamentarier sicher, musste sich das Schicksal der Demokratie und Deutschlands entscheiden.

Robert Blum war in dem von Akademikern und Intellektuellen dominierten Paulskirchenparlament die große Ausnahme, plebejisch eben, seiner Herkunft und seinem Werdegang nach. 1807 als Sohn einer Kölner Handwerksfamilie geboren, hatte er seine Gymnasialausbildung aus finanziellen Gründen abbrechen müssen und den Beruf eines Gelbgießers erlernt. Mit 23 wurde er Theaterdiener, um wenig später zum Sekretär, Bibliothekar und Kassenassistent des Leipziger Stadttheaters aufzusteigen. Früh schon betätigte sich Blum als liberaler Publizist und in unterschiedlichen, „freiheitlichen“ literarischen Unternehmungen. Seine auffallende Befähigung zu Massenredner und sein Organisationstalent drängen in Richtung politischer Karriere, und Zwickau entsendet ihn in das Frankfurter Vorparlament, dem er als einer der Präsidenten vorstehen wird. In der Paulskirche schließlich avanciert er schnell zu einer Führungspersönlichkeit der Vereinigten Linken.

Mit Ausbruch der Wiener Oktoberrevolution fasste die Vereinigte Linke des Frankfurter Bundesparlaments den Beschluss, eine Deputation mit einer Adresse an das „Wiener Volk“ zu entsenden; neben Blum gehörten ihr Julius Fröbel und die Österreicher Moriz Hartmann und Albert Trampusch an. In rascher Folge kontaktieren sie Reichstag, Gemeinderat, Studentenausschuss, Akademische Legion sowie den informellen Treffpunkt der Wiener Demokraten, das Gasthaus Zum Roten Igel auf der Tuchlauben. Blums Einschätzung der Situation ist durchaus realistisch, wenn auch nicht frei von kulturellen Stereotypen. Wien sei die liebenswürdigste Stadt, die er je gesehen habe, „prächtig, herrlich“, und dabei, so schreibt er an seine Frau, „revolutionär in Fleisch und Blut“. Die Leute betrieben die Revolution „gemütlich, aber gründlich“, die Verteidigungseinrichtungen seien in furchtbarem Zustand, jedoch „die Kampfbegier grenzenlos“.

Am 22. Oktober hatte Fürst Windischgrätz den Belagerungszustand über die Stadt verhängt, am 24. stellt er ein Ultimatum zur Unterwerfung binnen 18 Stunden. Jeder, der danach mit einer Waffe aufgegriffen werde, verfalle der „standrechtlichen Behandlung“. Blum und Fröbel, die eine realistische militärische Option ausschließlich im Häuser- und Straßenkampf erblicken, schließen sich der Miliz an, dem neugegründeten Corps d’Elite innerhalb der Nationalgarde. Sofort wird ihnen ein Kommando übertragen; als gewählte Hauptleute kämpfen sie, ausgestattet mit „außerordentlicher Kaltblütigkeit und Festigkeit“, für zwei Tage und Nächte an der Nussdorfer Linie, während die Stadt dem Artilleriebombardement der kaiserlichen Truppen ausgesetzt ist. Am 2. November erfolgt die Kapitulation, unmittelbar danach kommen Blum wie Fröbel beim Stadtkommandanten um eine Ausreisegenehmigung ein. Sie werden sofort verhaftet, finden sich ihre Namen doch auf einer von Windischgrätz erstellten Liste „gefährlicher Individuen“. Der mittlerweile zum Regierungschef ernannte Felix Fürst zu Schwarzenberg, Windischgrätz‘ Schwager, hat die Generallinie der Konterrevolution und des sich formierenden Neoabsolutismus ausgegeben: „Bezwingung des Aufruhrs überall und um jeden Preis.“ Am 7. November verständigen sich Beide noch einmal über das weitere Schicksal Blums; dieser, so Schwarzenberg, verdiene „alles“ und bleibe Windischgrätz „zur freiesten Disposition“. Ein tags darauf von den beiden prominenten Häftlingen eingebrachter feierlicher Protest, in dem sie sich auf ihre parlamentarische Immunität berufen, bleibt demgemäß ohne jegliche Wirkung. Sie werden vor ein Kriegsgericht gestellt, das Urteil lautet auf Tod durch den Strang, wird aber, da unmittelbar kein Henker zur Verfügung stand, in eine Hinrichtung durch Erschießen umgewandelt. Robert Blum wird in den Morgenstunden des 9. November 1848 in der Brigittenau exekutiert, Julius Fröbel im letzten Moment – gerüchteweise aufgrund einer kurz davor erschienenen, österreich-freundlichen Broschüre Wien, Deutschland und Europa – begnadigt.

Die Hinrichtung Blums sollte nicht nur ein weithin sichtbares Exempel statuieren, sie war zugleich ein ungeheuerlicher, wenn auch sehr bewusster Affront gegen das in Frankfurt tagende deutsche Parlament, das seinerseits, wie Marx und Engels wortgewaltig beklagten, mit einer Resolution antwortete, die „durch die milde und diplomatische Glätte ihrer Sprache eher eine Beschimpfung des Grabes des ermordeten Märtyrers bedeutete, als ein verdammendes Urteil über Österreich“. Das Gedenken an Robert Blum nahm, in Massenmeetings und einer Unzahl von literarischen Beiträgen, dennoch außergewöhnliche Dimensionen an, und der österreichische Gesandte in Dresden sprach von einem „Cultus, welcher keinem Wohltäter der Menschheit je ward“.

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